Die Stimme

Es ist schon ein Wunderwerk, was da im Hals der Menschen aufgehängt ist: Der Kehlkopf entwickelte sich schon bei den frühen Wirbeltieren, als sie ihren Lebensraum aus dem Wasser auf Land verlegten. Er war als Ventil notwendig geworden, um die Luftröhre zum Schutz vor Fremdkörper zu verschließen und für die Atmung zu öffnen. Bei den Menschen hat sich, ebenso wie bei Hunden, Ratten und anderen Tieren, entsprechend den neuen Lebensgewohnheiten, eine doppelte Ventil-Anlage gebildet.


Zunächst das Auslass-Ventil (Taschenfalten oder falsche Stimmlippen), das zusammen mit den Ausatem-Muskeln einen Überdruck in der Lunge herstellt, so dass wir mehr Kraft beim Heben, Schlagen, Treten oder auch zum Husten, Erbrechen, Gebären haben.

Später dann das Einlass-Ventil (Stimmlippen), das in Zusammenarbeit mit dem Einatem-Muskeln einen Unterdruck in der Lunge herstellt, der den Schultergürtel stärkt, wenn wir unseren Körper selber heben wollen – beim Klettern, Hangeln, Klimmzug ...

Wenn wir singen wollen, benutzen wir die Stimmlippen als Schwingkörper. Sie dürfen sich also bei der Ausatmung nicht öffnen, sondern müssen mit der Schließkraft des Unterdruck-Ventils beieinander gehalten werden. Um schwingen zu können, benötigen sie gleichzeitig den Überdruck in der Lunge.

Wer einen Grashalm zwischen die Daumen klemmt und hindurchbläst, hat schon kennengelernt, wie das funktioniert. Werden die Daumen fester zusammengedrückt, benötigen wir einen starken Luftdruck, damit der Grashalm ins Schwingen gerät und ein Geräusch abgibt. Wenn wir die Daumen sehr locker nebeneinanderlegen, müssen wir wiederum sehr kräftig blasen. Am leichtesten geht es, wenn wir das rechte Maß finden, eine gute Balance.

In dem Augenblick, wo die Stimmlippen in Schwingung versetzt sind, entsteht die Stimme. Aber noch klingt es nicht, was da schwingt. Über dem Kehlkopf befindet sich die "Klang-Schmiede", der Vokal-Trakt (Rachenraum). Unter Beteiligung der Artikulations-Muskulatur (Gaumen, Mund, Zunge, Lippen) stellt er sich automatisch auf den von uns gewünschten Vokal ein und sortiert die dafür erforderlichen Schwingungen. Sie finden von hier aus ihren Weg in das Knochengerüst des Menschen (Kopf, Schultern, Wirbelsäule, Brustkorb...). Das große Wunderwerk reagiert unmittelbar: Wir stellen uns einen bestimmten Vokal, eine bestimmte Tonhöhe und Lautstärke vor, schon werden im Kehlkopf & Vokaltrakt alle Voraussetzungen für den gewünschten Ton geschaffen, ja sogar die Atmung stellt sich hierauf ein- wenn die Muskulatur nicht gestört ist. Das ist sie aber sehr leicht durch falsche Gewohnheiten und durch die vielen angrenzenden "Hilfsmuskeln" (Kau-, Schluck-, Gesichts-Muskeln). Für die gesunde und stabile Balance sorgt der Stimmbildner und Gesangslehrer ebenso wie für die Reparatur bei "Betriebsstörungen". Dann kann jeder singen, ob hoch oder tief, ist nur noch eine Frage der Beschaffenheit seiner Stimmlippen.